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Die Samtpfoten

Autorin Irmgard Quay
1.Ausgabe 02.02 2002 Maxima

Eine Hommage an die eigenen, aber auch an die vielen anderen Samtpfoten,
die Hermann und mir über den Weg gelaufen sind.

Da fang ich meine Geschichte schon gleich verkehrt an. Es gibt nämlich gar keine „eigenen“ Katzen. Wir suchen uns zwar ein Kätzchen aus, oder eine schon erwachsene Katze schließt sich uns an, aber diese Katze wird uns bei jeder Gelegenheit und ihr Leben lang zu verstehen geben, daß „sie“ uns natürlich ausgesucht hat, und wir „ihr“ gehören. Das ist wohl das Wichtigste, was man wissen sollte, wenn man eine Katze in die Wohngemeinschaft aufnimmt.
Ein Hund gehorcht fast bedingungslos seinem Menschen, er fügt sich, er ist ihm fast ergeben. Mit dem Gehorchen hat die Katze es nicht gerade doll, und Untertan von Menschen sein, nein das wäre so was wie Majestätsbeleidigung.
Katzen haben mich mit wenigen Unterbrechungen mein ganzes Leben begleitet. Wenn man seine Kindheit 2 km entfernt von einer kleine Stadt verbringt, Haus und Hof und Garten, Hühner, Kaninchen, gleich nach dem Krieg sogar 2 Schafe und Puten und Enten dann war da neben einem Hofhund zum Aufpassen natürlich eine Katze zum Mäusefangen. Zu der Zeit waren egal ob Hund oder Katze zu etwas Nützlichem da. Stubenpaschas wurden erst in unserer Wohlstandsgesellschaft geboren. Aber für meine Schwester und mich waren Katzen auch nette Spielgefährten. Alt wurden unsere Minka’s (so hieß jede) alle nicht, da das Haus von Wiesen und Wald umgeben war, hat sich der Fuchs wohl ab und an eine geholt. Gut, daß wir Kinder von diesem Mord nichts wußten.
1962 bekam ich dann die erste „eigene“ Katze, einen getigerten schwergewichtigen Kater !

Poldi hatte ich bis Ende 1971. Er war schon eine „moderne“ Katze, nämlich einer für drinnen, also mit Sandkiste, Dosenfutter und so. Wenn ich zurückdenke, hat dieser Kater eigentlich keine schöne Zeit bei mir gehabt. Wenn man jung ist, ist man egoistisch. Man meint, die Katze könnte Spielzeug für einem sein, so was wie eine lebendige Puppe. Es ist auch noch nicht der Respekt vor dem Tier da, den man im späterem Leben hat. Poldi „mußte“ auch z.B. segeln, ihm passierte also das , was den meisten segelnden Ehefrauen passiert, er wurde zum Segeln vergewaltigt. Poldi hatte eine Heidenangst vor’m Wasser und wurde jämmerlich seekrank. Das Schönste für ihn waren die Häfen, er ging wie ein Hund mit an der Leine spazieren.
Auf dem Hafengelände riecht es gut nach Fisch, Mäusen, Ratten, Katzendüfte. Um große Hunde mußten man besser einen Bogen machen, bei kleineren wurde ein Buckel gemacht, das Fell wurde doppelt so dick, und schon waren die Köterchen in die Flucht geschlagen. Mit Hunden hatte Poldi und ich jedenfalls nie ernsthaft Pech. Großes Malheur hatten wir mal in Brunsbüttel. Ganz arglos ziehn wir beide unseres Weges, da schießt aus dem Gebüsch eine Katze. Poldi sah keine andere Rettungsmöglichkeit als mich als Baum zu benutzen. So schlimm wäre das ja auch nicht gewesen, wenn, ja wenn ich nicht bloß einen Bikini angehabt hätte. Ich sah aus, als wenn ich in die Satansmaschinerie gekommen wäre, vom Oberkörper bis zu den Füßen von Katzenkrallen massakriert. Die gegnerische Kratzbürste hatte mit ihren Jungen im Gebüsch gesessen, und wir waren für sie höchste Gefahrenstufe gewesen. Wen wir vom Segeln nach Hause kamen, gab’s für ihn nur eins, wie ein geölter Blitz übern Deich. Ab nach Hause. Nein , Poldi war wirklich kein Segler. Vielleicht lag das daran, daß wir ihm einem bayrischem Namen gegeben hatten. Hein Mück hätte er wohl heißen müssen.
Anfang der 60 er Jahre gab es noch keine Fachtierärzte für Kleintiere, nicht so wie heute, daß im Warteraum Wellensittiche und Goldhamster neben Hunden und Katzen auf Behandlung warten. Der Tierarzt war zuständig für Pferde und Kühe, schon seltener für Schafe und Ziegen, und „so nebenbei“ kastrierte er den Kater ganz ohne Betäubung. Du meine Güte, was hat der Poldi geschrien, dafür muß ich ihm heute noch Abbitte tun. Aber so war das damals, die rauen Sitten.
In unseren sogenannten „wilden 70 ern“ war das dann eine ziemlich Katzenlose Zeit, Großstadtkind Hermann war nicht von Kind auf mit Katzen vertraut. Er lehnte die Miezen zwar nicht ab, begegnete ihnen aber mit Vorsicht. Schmeichelte mir irgendwo ein Mini-Tiger um die Beine, meinte Hermann: „Faß die mal an.“ Es muß für ihn wohl sehr vertrauenserweckend gewesen sein, daß dieses Wesen nicht sofort die Krallen ausfuhr. In Hindeloopen hatten wir sogar mal eine Katze an Bord, die sich bei uns wohl die Strapazen einer Katzen-Disco-Nacht ausschlief und bestimmt auch eine Scheibe Lachsschinken bekam.

So wurde die Gesinnung katzenfreundlicher. Im Fotoalbum haben wir ein Bild, da ist Hermann dabei, die Skier auf dem Auto festzubinden und – eine Katze sitzt auf der Kühlerhaube.
Diese Katze wurde unsere Munki, sie mochte damals wohl ein Jahr alt gewesen sein. Schwanz mit ein bißchen weiß, hübsch und recht ausdruckvoll gezeichnet. Wem sie eigentlich gehört hat, haben wir nicht in Erfahrung bringen können. Ein Kleingärtner soll sie mal wochenlang im Gartenhäuschen eingeschlossen haben. Vielleicht wollte er sie mit Gewalt da ansiedeln. Aber so etwas ist nichts für eine Katze, die ja doch nach Möglichkeiten die Nähe der Menschen sucht.
Munki war nun mehr oder weniger eine Streunerin, und was Menschen ihr in dieser Zeit antaten , daß vergaß sie den Menschen ihr Leben lang nicht. Wenn wir morgens die Vorhänge im Schlafzimmer zurückzogen, saß die hungrige Katze schon auf der anderen Straßenseite, in der Hecke und wartete auf Hermanns Lockruf: „Munki!!!!“
Zuerst gab er ihr alles Mögliche aus dem Kühlschrank, mit Vorliebe Lachsschinken.
Dann war bald Dosenfutter da, und Munki’s Mahlzeiten wurden etwas regelmäßiger.
Aber alles nur, wenn wir in Essen waren, sonst blieb es ein klägliches Katzenleben.
Zum wenigen Essen kamen wahrscheinlich auch noch die Würfe Katzenbaby’s im Jahr, die ja keine Chance hatten. Einmal brachte Munki uns ein lebloses Junge ins Büro. Ein ander Mal hatte sie Junge in Schmidchen’s Büro bekommen, auch die waren nicht lebensfähig.

Am 19. April 1979 meinten wir es gut mit Munki, einmal sollte sie doch wenigstens ihre Rolle als Katzenmutter genießen dürfen. In unseren Wohnung brachte sie 4 Junge zur Welt, Hermann fungierte als Geburtshelfer , er spricht noch heute von diesem besonderen Erlebnis. Das kräftigste Katzenbaby behielten wir, die anderen Drei mußten leider diese Welt wieder verlassen. Wohin mit all den Katzen?
Wir meinten, uns einen kleinen Kater ausgesucht zu haben und nannten ihn Moritz.
Es entpuppte sich als ein weiblicher Moritz. Mutter und Kind hatten Quartier bezogen im Gäste WC, ein Glasbaustein-Kippflügel war Munki’s Tor in die weite Welt. Und die brauchte sie. Wir hatten uns geirrt, daß Mutter sein für sie was ganz Tolles sein sollte. Wenn Munki schon für Empfängnisverhütung hätte plädieren können, das hätte sie sicher getan. „Mein Bauch gehört mir“, das wäre Munki’s Motto gewesen. Einmal hörte ich draußen auf dem Hof das Katzenbaby schreien. Es regnete in Strömen, Moritz lag in einer Pfütze, von Munki war weit und breit nichts zu sehen. Sie hatte ihn wohl mit auf Trallafitti nehmen wollen, aber das Baby war dafür zu schwer. Also passten wir gut auf. Munki genoß es, Kindermädchen zu haben und am meisten ihre Freiheit.
Sie war eine ausgesprochen mutige Katze am meisten hatte es sie auf Hunde abgesehen. Munki saß in der Hecke und lauerte, und der nichts Böses ahnende Hund hatte gar keine Chance, schon saß die Katze ihm im Nacken und watschte ihn ab.

Aber Munki beließ es nicht bei fremden Hunden. „Aber Munki, doch nicht unser Hund“, hörte ich auf der Straße. Kunden aus Essen-Heisingen waren mit Ihrem Vierbeiner noch nicht ganz aus dem Auto gestiegen, da hatte Munki schon zugeschlagen. Und dieser arme „Kunden-Hund“ mochte Katzen, zu Hause lebte erganz kumpelhaft mit einer Samtpfötin zusammen. Bei Munki war Hund gleich Hund.
Wenn wir auf Reisen waren, kümmerten sich die Bürobesatzung oder Oma und Opa Kohnen um die Katzen. Der kleine Moritz wurde im Büro groß, schnell hieß er „der kleine Teifi“. Manchmal schlief er im Papierkorb ein, Papierchen auf Papierchen, auch von der Rechenmaschine, kamen drauf, und wir suchten das kleine, schwarze Knäuel, oder Rolla meinte, endlich Feierabend zu Haben, Denkste !!!! Beim letzten Kontrollgang durch’s Büro sah er die Bescherung: alle Blumentöpfe runtergeschmissen. Teifi, Teifi.... Anfang August brachte Munki noch mal im Büro Junge zur Welt, die getötet werden mußten. So bekam Moritz 2 mal Muttermilch, er wurde eine sehr kräftige Katze.
Im Herbst wurden dann beide sterilisiert, und von da an war Munki „Drinnenkatze“.
Für sie war das, als wenn sie in Pension gegangen war. Regelmäßiges Essen, warme Schlafplätze, wir waren für sie die Menschen, die sie für das entschädigen mußten. Sport und Bewegung verschaffte sie sich mit Moritz, der war zwar auf Grund seiner Mopsigkeit bequem warm und mußte erst mal angeschoben werden, aber wenn die Beiden in Fahrt waren, dann wackelte es richtig, und vieles ging zu Bruch. Im Blumenfenster gab’s dann nur noch Kakteen, die waren für die Katze aus gutem Grund tabu. Tagsüber waren Munki und Moritz in der Wohnung, wenn Büroschluß war, d.h. daß die Angestellten gingen, durften die Beiden „auf Arbeit“. Spätestens um 19,00 Uhr aber saß Moritz bei mir auf dem Schreibtisch und guckte mich bohrend an. Wenn ich nicht reagierte, dann patschte er mir den Kugelschreiber aus der Hand, was ganz unmissverständlich hieß: Feierabend und Hunger.
1977 hatten wir schon die Wohnung in Penzberg, wenn wir im Winter dort waren, kamen sie bei Oma und Opa Kohnen in Pension. Dasselbe auch noch für unsere Segelreise 1980, die wir nach Bergen machten.
Als wir zurückkamen, trauten wir unseren Augen nicht, Moritz war ein Mops geworden. Immer wenn der Kleine in seiner Pension versuchte die Bude auf den Kopf zu stellen, hatte Oma Kohnen ihm offenbar Leckerchen gegeben.
So nahmen wir unsere Vierbeiner ganz unter unsere Fittiche. Im August kamen sie das erste Mal mit an Bord, es ging viel, viel besser, als wir es uns ausgemalt hatten.
Die Segeljahre mit Munki und Moritz wurden für uns eine unvergessliche schöne Zeit.
Munki wurde nicht seekrank, schlief beim Segeln, im Hafen war sie dann voll da und wenn Landgang angesagt war, stand sie auf Treiben. Hermann hatte sie an der Leine, sie erlebten manches Abenteuer. In der Kalö-Bucht mußten sie sich auf einer Wiese mal vor einem heranrasenden Bullen retten.
Im Isefjord wäre Munki gerne die Steilküste hochgeklettert, um Seeschwalben zu fangen. Wenn da nicht die 20 m lange Leine gewesen wäre.... Hermann hielt die Leine stramm, Munki verlangte mehr Bott, noch einen Meter bis zum Nest.
Und als sie auf Fanö Süd wieder ins Schlauchboot sollte , hat sie Hermann vor Wut die hand blutig gebissen. Es war doch so schön am Strand.
Moritz konnte man mit Landgängen keine Freude machen. Moritz war die Segelkatze par excellance wie ich wohl keinen Segelkumpel wieder bekommen werde.
Bei Wind und Wetter saß die Katze unter der Kuchenbude und leistete mir Gesellschaft. Immer auf der hohen Kante wohlgemerkt, bei einer Wende ging auch Moritz über Stag. Gefährlich wurde es, wenn er beim Segeln in Lee an Deck rumlief oder auf dem Großbaum rumturnte. Er wurde wie ich seekrank das war, das war sicher auch ein Grund für ihn, immer draußen zu sein. Moritz war gern an Bord. Wenn er beim Autofahren nur Wasser sah, glaubte er immer, nun wäre auch die „Windrose“ nicht weit. Selbst im Winter, als wir uns am Chiemsee verfahren hatten, war’s für ihn klar: Wasser anhalten, anhalten. Wenn wir in Kappeln über die Brücke fuhren, ging der Freudentanz im Auto los.
Ganz Anfang der 80 er Jahre waren wir noch bei Asmus in Glückstadt im Winterlager. Im Frühjahr haben wir dann 2 – 3 Nächte im Hotel Tiessen übernachtet bis das Schiff im Wasser und bewohnbar war. Bordkatze Moritz war über Tag schon mit uns in der Halle an Bord gewesen. Abends im Hotel begnügte er sich erst mal damit, aus dem Fenster zu gucken und Leute zu beobachten. Wir waren mal eben eingeschlafen, da fing Moritz mit seiner Vorstellung an nach dem Motto: Hier bleib ich nicht, hier gefällt’s mir nicht.
Der Sportsfreund wusste genau wie er sich lästig machen konnte. Moritz war mit einem Satz auf dem Kleiderschrank. Wupp !!!! Einen Augenblick verschnauft und wieder runter. Noch mehr Wupp !!!! So ging das im Wechsel rauf, runter, wupp, wupp .. .. Hab ich mir das Kerlchen geschnappt und bei mir am „Fuß“ angebunden. Das nützte nichts, Moritz gab keine Ruhe, gerne hät er mich aus dem Bett gezogen !!!! Hermann hat sich angezogen, Katze in die Tasche , zur Halle gefahren, Tor aufgeschlossen, Tasche auf und Moritz war wie der schwarze „Blitz“ (von Kitz) die Leiter hoch und auf unserem Schiff. Er hatte zwischen den Schiffen seine „Windrose“ gefunden. Morgens begrüßte er uns glücklich und zufrieden. Er hatte seinen Kopf durchgesetzt. Moritz war eisern, was er wollte da gab’s nichts an zu rütteln. Grundsätzlich stand Munki natürlich über ihm, Munki war die Chefin, aber wenn es nicht direkt mit ihr zu tun hatte oder es sie nicht störte, dann behauptete Moritz seinen Willen.
Ging ich abends ins Bett, kam er mit und legte sich am Fußende hin. Da konnte Munki ruhig mit Anlauf über uns wegrennen, er war ins Bett gegangen und damit Basta.
Morgens war er allerdings Frühaufsteher, noch früher als wir, und er stürmte über unsere Bettdecken.
Unsere Wohnung in Penzberg lag im 3. Stock. Munki und Moritz saßen auf der Balkonbrüstung und beobachteten das Treiben auf dem Gelände des Super 2000.
Keiner von ihnen ist abgestürzt, kein vorbeifliegender Vogel hat sie verführen können, da waren sie wohl sehr diszipliniert.
Beim Segeln hat Moritz nur einmal nicht mehr an sein Schiff geglaubt, vielleicht auch nicht an mich. Hermann war mit den Katzen eine Woche alleine in Norwegen mit den Katzen geblieben, während ich nach Essen zum Bürodienst geflogen war.
Als ich wieder in Twedestrand an Bord, war, hatte ich bloß eines im Kopf „raus aus den Steinen“.
Der Seewetterbericht sagte für’s Skagerak West 6 an, das fand ich gut, halber Wind, eine Rutsche nach Skagen. Aber es ist ein Unterschied, auf welchem Gewässer man West 6 hat. Das Skagerak ist kein Ententeich. Der Seegang wurde mehr und mehr, umschauen durfte man sich besser nicht, solche Wellenberge schoben längst. Bis es dann passierte, eine Welle stieg ins Cockpit. Wasser im Schiff, das war neu für Moritz. Das Unglück sehen und wie ein geölter Blitz ins Schiff, das war eins.
Bis ins Achterschiff ist er gerannt und kam die restlichen Stunden, die es noch bis Skagen dauerte, nicht mehr raus. Ja, Moritz ist da vor lauter Angst noch nicht mal seekrank geworden.
Aber er steckte dieses Erlebnis auch gut weg. Anderntags war er wieder bei mir draußen, und er blieb bis zum Ende seines Lebens die beste Segelkatze.
Die Reise Essen / Penzberg und zurück machten wir mit IC, in Penzberg hatten wir einen Golf.

Zugfahren war mit Munki und Moritz die einfachste Sache der Welt. Wir hatten einen Transportkoffer, wo beide drin saßen, d.h. Munki machte sich breit und Moritz mußte mit so einer Art Stehplatz vorlieb nehmen. Im Zug kam der Koffer oben ins Gepäcknetz, Türchen auf, Munki verschlief die Reise im Koffer, Moritz lag davor auf einer Decke und beobachtete die vorbeifliegende Landschaft oder die Tauben auf dem Bahnsteig.
Einmal waren wi im Großraumwagen, erst als ein paar Leute nach oben guckten, merkten wir, daß Moritz über die Manager-Koffer turnte. Ich bekam rote Ohren, ( ich Hermann habe geschmunzelt) Mit 2 Katzen im Gepäck wurde man ja meist angeguckt, als wenn man Zigeuner oder so was wäre. Und wenn die Beiden dann im Gepäcknetz lose verstaut waren, guckten die Mitreisenden misstrauisch, wann diese Mini-Tiger nun wohl von einer Seite zur anderen hopsen würden. Sie haben das nie getan. Einmal hatten wir im Abteil einen feinen, älteren Herrn, später stellte sich raus, er hatte eine Schulbedarfs-Firma (Möbel und dergl.) gehabt und nun auf Altenteil. Der Herr vertiefte sich in seine FAZ, nachdem nach 2 Stunden noch keine Katze über ihm weggesprungen war, fragte er: „Was sind das für Katzen?“ Der schlagfertige Hermann: „Rennkatzen !!!“
Erst mal Ruhe und ich hätte auch gerne ein FAZ gehabt, wo hinter ich mich hätte verstecken können. Aber Opas können auch neugierig sein, viel zu neugierig, so dass sie für Hermann ein gefundenes Fressen werden.
„Was machen Sie denn mit den Katzen?“ Nun aber tischte mein lieber Mann auf:
„Ja wissen Sie, ich habe bloß eine kleine Rente, und da muß ich mir was dazuverdienen. Jetzt fahren wir nach Daglfing, (eine Pferderennbahn bei München) das ist ein gutes Zubrot für mich. Besonders die eine, die Munki, läuft viel Preisgeld ein .“
Das muß dem Herrn schon eingeleuchtet haben, immerhin von Daglfing hatte er schon gehört, wo Pferde rumrennen, na ja warum nicht auch Katzen ....
Bloß mit einem war Opa nicht einverstanden: „Wissen Sie , mit der Rente haben Sie was verkehrt gemacht. Ich habe voll geklebt und krieg eine gute Rente. Und das schönste, diese Rente ist mein Taschengeld, leben tu ich vom Altenteil.“
Der feine, alte Herr stieg in Augsburg aus, um weiter nach Bad-Reichenhall zu fahren. Wir haben uns ausgemalt wie er abends in fröhlicher Runde von den Rennkatzen berichtet hat.
Mit Munki und Moritz hatten wir wohl die erlebnisreichste Zeit.
Munki starb am 8.Nov. 1985 an Katzenleukämie, in Essen.
Nun war Moritz allein und Herr im Haus. Wieviel ihm das Letztere bedeutete, haben wir leider nicht gescheckt. Den ganzen Winter war er alleine mit uns unterwegs, und Moritz muß das wohl sehr genossen haben. Bloß wir meinten, wieder eine Katze dazu, das sollte für ihn schön sein.
Ein Katzenbaby von einer Leihmutter wurde es.
Minka, die Katze von Rohr, eine Draußenkatze, auch aus dem Kleingarten, brachte am 19. April 1986 drei Junge zur Welt, die alle groß gezogen wurden. Die junge Familie wurde bei Karin und Stefan Thelen einquartiert. Minka war eine Bilderbuch Mutter, und wir hatten Katzen-Glück zum Anfassen.
Hermann legte die Babys auf die Briefwaage, Wachstumserfolge grammweise.
Wir hatten uns einen rabenschwarzen Kater ausgesucht und nannten ihn Pascha.
Das getigerte Kätzchen nahmen die Thelens und für das schwarz-weiße fand sich auch ein Platz.

Nach 8 Wochen nahmen wir Pascha zu uns und das Unglück nahm seinen Lauf. Wenn wir gemeint hatten, Moritz würde sich freuen über das kleine possierliche Kerlchen, dann war das ein Riesen-Irrtum. Pascha hätte zu gerne mit der schönen, großen Katze gespielt oder doch wenigstens mal ein bißchen am Schwanz gezogen. Nichts ging, Moritz tat dem Kleinen nichts, aber er sprang sogar bis auf den Kleiderschrank. Er muß sehr darunter gelitten haben, daß wir ihm so ein schwarzes Wollknäuel ins Haus geholt hatten. Er hatte sich den Zwerg nicht bestellt. Hinzu kam noch, daß Pascha von Anfang an nicht gesund war. Die Geschwister hatten ihn gebissen, wann sie nur konnten. Warum? Kaum bei uns hatte Pascha chronischen Durchfall, bald darauf auch Moritz. Eine Infektion Pascha war eine ausgesprochene Schmusekatze.
Alles was Munki ihrem Moritz nie erlaubt hatte, nämlich sich den Menschen anzubiedern, auf dem Arm genommen werden, auf dem Schoß sitzen, all das machte Pascha, zum Schnurren schön war das. Schlief Moritz am Fußende, legte sich der Kleine zu mir an den Hals.
Es muß Moritz zur Weißglut gebracht haben, Pascha kaufte sich „seine“ Mutter. Am 10.Dez. 1986 ging Moritz Leben viel zu früh zu Ende. 2 Tage vor meinem Geburtstag hatten wir wieder ein Katzengrab in der Jagdstraße. Moritz war Zuckerkrank, aber durch eine Fehlbehandlung der Tierärztin fiel er ins Koma und war nicht mehr zu retten. Da war ich wirklich sehr, sehr traurig.
Jetzt war Pascha alleine, aber alleine war er kaum. Der kleine Kater war immer mit uns im Büro. Türen und Fenster konnten offen stehn, Pascha ist nie rausgelaufen. Wenn Moritz auch ausbüchste und stravanzen ging, dem Kleinen hatte er beigebracht, weglaufen mögen die Leute gar nicht haben. Das war für uns eine bequeme Eigenschaft, die wir vor Pascha und nach Pascha nicht erlebt haben. Am angenehmsten war das an Bord. Wir haben z.B. mal mit Caroline und Hans-Heinrich Lammers in Skagen gelegen, es war warm, und wir wollten das Schiff nicht zumachen. Die Beiden haben im Cockpit gesessen, Pascha genauso bei uns im Cockpit, und wir sind spazieren gegangen, Pascha verließ das Schiff nicht.
Einen Haken hatte auch das: Wir durften z.B. nicht auf Nachbar’s Schiff gehen und da evtl. einen Besuch machen, dann fing Pascha an zu mauzen: „Das dürft Ihr nicht, das dürft Ihr nicht. Moritz hat gesagt man geht nicht auf fremde Schiffe.“ Der kleine Schwarze gab erst Ruhe, wenn zumindest ich heimgekehrt war. Das war die kurze, aber strenge Erziehung von Moritz.
Pascha’s bester Spielkamerad war Max, ein selten gutmütiger Kater, fast weiß mit wenig Schwarz,. Der kam auch aus der Kleingarten-Sippe, war aber sehr zutraulich und futterte sich in der Nachbarschaft durch.
Einmal allerdings hatte ihn so ein Unmensch mit dem Kleinkalibergewehr im Beim erwischt. Da war ich mit Max bei Dr. Heinen, der hat ihn operiert und toll verbunden. Die nächsten Tage sollten wir Salbe draufschmieren und ihn neu verbinden. Max ließ sich auch von Sabine und mir geduldig verbinden, aber mit der gleichen Geduld baute er gleich darauf den Verband wieder ab. Max war wirklich nett.
Der kam zu uns ins Büro und wollte sich bestimmt gemütlich ausschlafen von der nächtlichen Katzen-Disko. Aber Max hatte die Rechnung ohne Pascha gemacht, unser Kleiner war gut ausgeschlafen und konnte von körperlicher Ertüchtigung gar nicht genug bekommen. Wir sprechen heute noch mit Bewunderung von Max, welche Geduld er mit dem ungestümen Katzenkind hatte und jede Rangelei mitmachte, er biß nie zu, um Pascha in seine Schranken zu weisen. Als Moritz noch lebte, saß der oben auf’m Schrank und beobachtete missbilligend den Ringkampf:„Furchtbar, furchtbar“.
Pascha wäre die ideale Katze gewesen, wenn er nicht so viel zerrissen hätte. Zähnchen und Krallen waren vor nichts sicher. Was Munki und Moritz in ihrem ganzen Leben nicht an Spielzeug kaputt gekriegt hatten, Pascha machte alles kurz und klein. Ehe wir uns versahen, nahm er sich auf der Windrose die Verkleidung im Vorschiff vor. In Skagen haben wir 1987 Teppichware gekauft und damit die Verkleidung tapeziert. Aber grundsätzlich war er sehr angenehm um sich zu haben. Alle mochten ihn, er war überhaupt nicht scheu, wenn es klingelte, ging erschon zur Tür, Pascha war immer freundlich.
Pascha ging am 1. Januar 1987 mit uns in Rente. Im Wind-Sommer 1987, segelte er mit uns 2 mal die südnorwegische Küste hin und her.
Der kleine Kerl war von Anfang an nicht der Gesündeste gewesen. Warum hatten ihn eigentlich seine beiden Geschwister so gebissen, daß er voller Narben war, als wir ihn übernahmen.
Pascha hatte irgendeine unheilbare Blutkrankheit, ich bin ein paar mal mit ihm bei Dr. Welser in Weilheim gewesen, er hat wohl Aufbau-Spritzen bekommen.
Wir sind im Sept. 1987 noch mit ihm nach Düsseldorf gefahren, um die Verlobung von Anneli und Schorschi zu feiern.
Gerade mal 2 Tage wieder zu Hause, da war Pascha so schwach auf den Beinen, wir wußten, daß dieses kleine Katzenleben nicht mehr zu retten war. Ich hab gesagt, „Wen die Götter lieben, den holen sie früh.“ Am 29.09.87 mußten wir ihn einschläfern lassen. Aber was des Einen Ende ist, ist der Anderen Anfang.
Wir fuhren erst mal, um Abstand von diesem neuerlichen Katzen-Malheur zu bekommen ins Elsaß. 1985, 1986, 1987, jedes Jahr eine Katze tot, das ging dann doch an die Gräten.
Als wir zurückkamen, rief abends gleich Tonia an, Marion hätte eine ganz kleine, schwarze Katze, die kam vom Bauernhof, die Katzenmutter sei überfahren worden und das Kleine sei beim Tierarzt zum Einschläfern abgegeben worden. Sauber sei das Baby noch nicht, ob wir das nehmen können.
Na ja, ein bißchen anders hatten wir uns das zwar vorgestellt, aber wenn so ein Winzling bei einem in der Hand liegt, dann sagt man sich doch: Ran an die Arbeit.
Wie gesagt, das frühe Ende von Pascha war die Chance für Anna.
Anna mag wohl gerade mal 4 Wochen alt gewesen sein, krabbelte sie in einen Schuh, war sie nicht mehr zu sehen. Sie hatte auch noch blaue Augen und tappste mehr oder weniger durch die Gegend.
Die ersten Tage haben wir ihr die Badewanne hergerichtet. Raus konnte sie da nicht. Sie hatte auch nicht aufgemuckst. Ihr Po war vom Durchfall total verklebt, Hermann hat sie immer mit lauwarmen Wasser abgespült. Wir wickelten sie danach in ein Frottee-Tuch, hatten sie so auf dem Arm oder auf dem Schoß. Da lag das Baby drin, wohl und zufrieden.
Dann bin ich mit ihr nach Weilheim zu Dr. von Welser gefahren. Auf halbem Weg in Seeshaupt am Bahnhof roch ich es schon wieder: Hose voll !!!!
Also angehalten und Katzenbaby wieder sauber geputzt. „Anna, auch wenn wir evtl. zum Sterben fahren, müssen wir sauber sein“, hab ich zu ihr gesagt.
Wir fuhren nicht zum Sterben. Die Bauern hatten ihr Kuhmilch gegeben, nachdem Mutter Katze überfahren worden war. Daher also der Durchfall.
Mit Spritzen und Medikamenten war das schnell behoben.
Anfangs haben wir 10 kleine Pappkartons mit Katzenstreu aufgestellt. Wo immer Mini Katze rumsauste, fand sie schnell ihr Kistchen. Sie hat uns nie auf den Fußboden gemacht, selbst die kleinste Katze ist für Reinlichkeit.
So nach und nach haben wir die Kistchen reduziert bis nur noch die eine große im Badezimmer übrig blieb.
Zum Futtern bekam sie Hipp-Kindernahrung und Dosenfutter.
Anna war ein schönes, kräftiges Katzenbaby, sonst hätten wir sie ohne Katzenmutter wohl nicht groß bekommen. Hilde hatte mir eine Schürze genäht mit einer großen Tasche drauf mit „ANNA“ bestickt. Wenn ich Küchendienst hatte machte, lag Anna in dieser Schürze und guckte mir bei der Arbeit zu.
In der Schürze spürte sie meine Körperwärme, das brauchte der kleine Körper, hatte aber wohl auch was mit Vertrauen zu tun.
Dies körperliche Nähe suchte Anna zeitlebens, ob zu Hause oder an Bord oder in einem Hotelbett, Anna schlief immer unter der Bettdecke bei mir in den Kniekehlen. Sie machte lautlos und ohne zu Murren jede Wende mit. Es konnte noch so warm sein. Manchmal hab ich gedacht, die Katze würde unter der Decke ersticken, aber Anna wollte das so und fühlte sich wohl.
Anna war die Katze unserer großen Reisezeit. Als wir sie bekamen, waren wir noch kein Jahr „in Rente“. Wir waren mehr unterwegs als zu Hause. Und aus dem einen Zuhause wurden 1993 zwei Zuhause, wie hatten Solitüde eingerichtet. Das war ein einziges Kofferein und auspacken.
Anfangs hatte Anna nicht viel dagegen, da war sie neugierig und empfand alles als Abenteuer. Im laufe der Jahre wurde sie kritischer, empfindlicher, ja wie sehr sie am Ende unter der ständigen Unruhe litt, das werden wir wohl kaum nach empfinden können. Wenn wir irgendwo angekommen waren, war das gut für sie, sie hätte wohl alles als Zuhause akzeptiert, aber nicht immer rumstehende Koffer und Taschen.
Zuletzt versteckte sie sich schon, wenn sie bloß die Gepäckstücke sah, Zigeunerleben ist nichts für Katzennerven.
Im Dez. 1987, da war Anna noch kein Vierteljahr alt, waren wir mit ihr in St-Cassian im Apartmenthaus Cademia, dann mal eben wieder nach Penzberg, um Weihnachten und Sylvester zu feiern. Im Januar waren wir schon wieder in St-Cassian. Zu selben Zeit war auch Xari Butzer mit zwei Kumpeln dort zum Skilaufen. Abends haben sie uns mal zu einem Glas Wein besucht. Xari war ganz verliebt in das schwarze Katzenkind.
Anna war aber auch wirklich nett anzusehen. Unter allen Katzen, die wir bisher hatten, war Anna die „Hübscheste“. Das darf man ruhig sagen, ohne den anderen lieben Samtpfoten weh zu tun. Sie war nicht ganz kurzhaarig fusselte dadurch zwar tüchtig auf den Polstermöbeln, aber zu ihren besten Zeiten da glänzte das schwarze Fell. Sie war kurzbeinig wie es alle Langhaarkatzen sind und wenn sie schnell lief, dann sah das aus , als wenn sie auf Rollschuhen unterwegs war. Anna war absolut fotogen. Im schönen Segelsommer 1988 war Anna mit uns nach Bergen, wo wir Gerda besucht haben. Anna lebte schon recht gern an Bord, vor allem wohl, weil wir meist in ihrer Nähe waren. Auf dem Schiff waren wir nicht so oft „aushäusig“. Und im Hafen oder auf dem Ankerplatz Möwen und Enten beobachten, das mochte sie sehr, sehr gern wie ihre Artgenossen vor und nach ihr. Natürlich fiel auch sie wie die anderen vor lauter Jagdeifer ins Wasser. Spätestens merkten wir das, wenn die Möwen und Enten sich kaputtlachten, weil die Katze schwamm. Bei uns waren dann erst mal ein paar Frottee-Handtücher fällig.
Aber Anna wurde bemitleidenswert seekrank. Sie wusste es bald selbst, daß sie sowie der Motor ansprang sie aus dem gemütlichem Schiff raus mußte. Wenn das Schiff sich bewegte, mußte sie im Cockpit an der frischen Luft sein. Mußte sie dann noch Gassi , gab sie sich zu erkennen, in dem sie sehnsüchtig in die Kajüte guckte. Hermann war Service-Mann für alles.
Munki und Moritz waren im Hafen, wenn wir keine Zeit hatten zum Obacht geben, an der Leine. Das war lästig wegen dem Verheddern. Allein deswegen lagen wir schon gern auf Anker. In Glückstadt hatten wir uns mal zwischen den Pfählen frei gebunden, so weit von Land, das Hermann sich ganz sicher war, da kommen sie nicht hin. Da hatte er unsere Springkatzen unterschätzt. Als wir mal kurz einen Kontroll-Blick machten, da sahen wir Munki gerade noch um die Winterlagerhalle verschwinden und Moritz hinter ihr her.
Wie schon beschrieben war Pascha in puncto „an Bord bleiben“ der absolute Glanzpunkt. Auch Anna war eine richtige Ausflugskatze. Wo wir die überall gesucht haben !!!! „Anna, Anna“, so bin ich ganz kläglich durch den Hafen gezogen. Ein paar Mal war ich so verzweifelt, da hab ich wirklich geglaubt, nun sei sie ins Wasser gefallen und hätte das Zeitliche gesegnet. Meistens machte sie Schiffsbesichtigung, es war ihr nicht beizubringen, daß wir keine Reeder waren, sondern uns nur die eine „Windrose“ gehörte. Fischkutter gefielen ihr besonders gut, die müssen einen himmlischen, katzenfreundlichen Duft haben.
Aus Hals auslaufend stellten wir nach ca. 1 sm fest: „Wo ist Anna.“ In aller Hektik hab ich alle Schränke aufgerissen. Nichts. Keine Spur von Anna. Also umgedreht und zurück in den Hafen. Nach ein bißchen Suchen fanden wir sie dann auf den Pfählen unter der Anlegebrücke. Zum Schimpfen war mir längst die Puste ausgegangen, ich war froh, mein Katzenkind wieder im Arm zu haben.
In der Penzberger Wohnung hab ich die hübsche Schwarze auch mal wie eine Stecknadel gesucht. Da war sie vom Balkon gefallen, sicher hat ein Vogel ihr das Fliegen beibringen wollen. Als ich endlich den Verdacht hatte, daß so was ja auch mal passieren kann, hatte ich sie schnell gefunden. Als ich sie rief, hatte sie sich schon bis auf Killermann’s Balkon (Nachbar) vorgearbeitet. Die Richtung hatte sie schon gescheckt. Innere Verletzungen hatte sie nicht, durch die große Birke und die Sträucher darunter war der Fall abgefedert worden. Allein das eine Hinterbein zog sie knapp 3 Wochen nach, und beim Springen war es ihr hinderlich. Da hat Anna schon einen Schutzengel gehabt.
Im Herbst 1992 machte Anna mit uns die große Frankreich-Reise: Straßburg, eine Woche Paris, Normandie, Bretagne, durch das Loire-Tal nach Colmar im Elsass. In Vannes am Golf von Morbijan waren wir in einem Hotel, das einen herrlichen Ausblick hatte und wir Ebbe und Flut beobachten konnten, ein Restaurant mit wahrlich französischen Schlemmereien, beim Dessert denk ich immer noch an die Schnee-Eier mit den Karamell-Fäden. Aber das Zimmer war eine Bruchbude, die Tür ließ sich nicht abschließen, nachts haben wir Tisch und Stühle davor gestellt. So was war für uns Zigeuner kein Problem. Aber nun hatten wir für tagsüber doch kein Zuhause für Anna, wir wollten unterwegs sein. Also mit im Auto und beim Golfspielen im Rucksack vor den Bauch gebunden. Was hatte die arme Anna bloß mit uns aushalten müssen !!!!
Das Schlimmste muß für sie im Frühjahr 1993 das Einrichten von Solitüde gewesen sein. Den ganzen Winter hat sie schon in Penzberg mit Kartons leben müssen, der Haushalt wurde zum Teil aufgeteilt und in Solitüde übernommen. Jetzt waren zwar Küche, Schlafzimmer möbliert, als wir kamen. Aber dann ging das Fertigwohnen los. Die Möbel aus Dänemark kamen, eine neue Wohnungstür wurde eingebaut, Bilder an die Wand genagelt. Es war von morgens bis abends ein Gebohre und Gehämmere. Wir fielen schon den Nachbarn auf die Nerven. Wie mag all das erst in Anna’s Ohren geklungen haben. Kätzchen können auf 10 m eine Maus piepsen hören.
Anna’s Nervenkostüm war überstrapaziert. Einmal im Jahr zum Impfen, das war eine Tortur für sie. Erblichte sie bloß einen Weißkittel, dann wurde Anna zur Furie, die Tierärzte , aber noch mehr die Helferinnen machten mehr als einmal Bekanntschaft mit ihren Pfoten. Moritz und Anna waren die richtigen Tierarzt-Schrecks. Keiner konnte sich vorstellen wie lieb beide Katzen zu Hause waren. Ich glaube die waren immer froh, wenn sie mich mit den Mini-Panthern wieder los waren. Anna wurde zuletzt in einen engen Käfig gesteckt und dann Zack- Zack durch die Trallen geimpft.
Anna lebte ihr Leben lang mit einem Handicap. Es war ein Handicap für sie und für uns. Sie konnte nur ganz wenig auf einmal futtern, d.h. manchmal bekam sie 20 Mini – Mahlzeiten am Tag. Hunger hat sie wohl immer gehabt und wenn sie nur irgendwie die Möglichkeit hatte, etwas zuklauen, dann tat sie das, aus dem Müllbeutel, vom Küchentisch, Töpfe und Teller abschlecken, wenn man nicht aufpasste. Das Schlimme war, meistens spuckte sie es gleich wieder aus.
Daß sie keine Mahlzeiten essen konnte, macht uns oft ein schlechtes Gewissen. wenn wir den ganzen Tag unterwegs waren, wußten wir, daß Anna nicht richtig ernährt war.
Die Tierärztin in Penzberg hat es mir am Ende so erklärt, dass Anna wahrscheinlich ein Verengung in der Speiseröhre hatte. Einfach zu operieren wäre es auch nicht gewesen.
Trotz allem durfte sie 11 Jahre alt werden und als auch dieses Katzenleben am 10.10.98 zu Ende ging, waren wir nur schwer zu trösten. 11 Jahre sind in einem Menschenleben lang, Mensch und Tier werden Kumpel, vor allem wenn man so eng zusammenlebt wi wir, reist und segelt. Anna war „die“ Reise Katze, sie hätte es sich bestimmt anders ausgesucht und wird wohl wenn sie aus einem Himmelsfensterchen guckt, ihr Nachfolgerin Jule beneiden, die es um so viel ruhiger hat als sie. Alleinein halbes Jahr nach ihrem Tod gab es nur noch ein Zuhause, schon das wäre für Anna eine kleine Seligkeit gewesen. Vielleicht ist für sie aber auch nur das Schöne geblieben, so wie ich immer von dieser bildhübschen, schwarzen Katze schwärmen werde, der kleinen Anna, die Nacht für Nacht so weich neben mir lag.
Auch nach Annas Tod gönnten wir uns eine Erholungspause, dieses Mal eine lange. Wir fuhren über Luzern ins Wallis, alles bei schönstem Sonnenschein. Dann über den St.-Bernhard nach Aosta und weiter nach Alba und Barolo. Und nächsten Morgen? Natürlich- im Piemont regnet es immer. Runter ging’s ans Mittelmeer, Stippvisite bei Frau Doussier in Menton, dann in die Toskana nach Montecantini. Abschließend 2 Wochen Abano mit Venedig und allem was dazu gehört, da waren wir fast einen Monat unterwegs gewesen.
Und wir waren wieder katzenlustig, das Leben geht eben immer weiter. Hermann hatte die Tierärztin gefragt, wo man im November noch eine kleine Katze herbekommt. Sie gab uns den Tip „Gut Bernried“. Die Bauerstochter war eine ganz „moderne“ Tierschützerin. Damit den Kätzchen auf dem Hof nichts passieren sollte, hatte sie wohl 4 – 5 Würfe unterschiedlichen Alters in eine Garage gesperrt mit einem kleinem Käfig als Auslauf für draußen. Da war alles drin: recht kleine. Halbausgewachsene, getigerte, schwarzweiße, rote.
Ein roter Kater war sehr schön, aber den wollte sie selbst behalten. Ich hätte ja gerne was Schwarzes gehabt, aber diese Kätzchen waren so klein und mickrig, kläglich mauzend kletterte sie am Käfigdraht hoch. Bis Hermann entscheid: „Die da“ Eine kleine Tigerin. Als wir versuchten, die Kleine einzufangen, entwischte sie uns, raus auf dem hof, hinter einer großen Katze her in einem Geräteschuppen. Mit List und Tücke hatte Hermann seine „Die da “ endlich erwischt. Im Auto weinte sie nur leise vor sich hin, aber in Penzberg in der Wohnung angekommen raste sie verzweifelt hin und her, jaulte, versteckte sich. Dieses kleine Würmchen, das wir wohl für ca. 8 Wochen alt hielten, war total verstört. Ganz allein, keine andere Katze und in einer Wohnung war sie auch nie gewesen. Am nächsten Morgen war’s nicht besser, so daß ich schon so weit war, mir nicht einen neuen Katzen – Problemfall anzutun, Katze und einen Haufen Brekkies, sozusagen als Rückgaberecht und dann wieder ab in die Katzengarage. Hermann aber plädierte für „Die da “: „Geh doch erst mal mit ihr zur Tierärztin“. Das hieß, untersuchen lassen, ob sie mit Leukämie infiziert ist. Dann hätten wir sie sowieso nicht behalten mögen, weil ein kurzfristiges Katzenleben wieder programmiert gewesen wäre. Als ich mit meinem Tigermädchen bei Frau Dr. Lechner ankomm, guckt die mich recht vielsagend an. Gesagt hat sie nichts, aber vielleicht gedacht, da hätte man sich auch was Besseres aussuchen können. Das Kätzchen blieb den Morgen zur Untersuchung da, gegen Mittag ging ich gucken.
Kein Leukämieträger. Damit akzeptierten wir die Neue „Die da“ Wir hatten eine „Jule“
Mit allem anderen mußten wir uns nun tapfer durchbeißen.
Julchen war nicht 8 Wochen alt wie wir angenommen hatten, sie war wohl fast doppelt so alt, das kann eine Tierärztin an den Zähnchen feststellen. Klein und mager war sie, total unterernährt. In der „Katzen – Garage“ nahmen sich erst die größeren Katzen ihr Teil, für die kleineren blieb nicht genug. Dieser Alptraum „Garage“ verfolgt Julchen ihr Leben lang.
Am Sonntagmorgen gibt es beim NDR um 8 Uhr eine Kindersendung „Mikado“. Da brachten sie mal was über Katzen, zum Auftakt ein Miaue von einem Haufen Samt-Pfoten. Jule war ganz verstört, sie sauste durch die Wohnung und war am Suchen. Unsere Kleine meinte wohl, die Vergangenheit hätte sie eingeholt.
Julchen war nicht nur unterernährt, viel schlimmer war, daß sie Katzenschnupfen hatte und total verwurmt war. Das wenige, was sie in der Garage noch hatte ergattern können, das brauchten ihre Untermieter auf. Die erste Zeit waren wir alle 2-3 Tage bei der Tierärztin, sie war nett und gescheit sie behandelte alles der Reihe nach. Erst mal den Schnupfen weg und so langsam den Würmer den Garaus machen. Für eine Schnellbehandlung war Jule viel zu schwach, der kleine Körper hätte das gar nicht mitgemacht.
So konnte sie anfangs keine Tollwutimpfung bekommen, und gerade die brauchten wir. Im Sommer 99 wollten wir zu den Alands – Inseln, und dafür brauchten wir Einreisepapiere.
Die ganzen anfänglichen gesundheitlichen Schwierigkeiten hatten wir mit unserem Katzenkind wohl nicht so gut gemeistert, wenn sie selbst nicht so viel dazu beigetragen hätte. Jule machte es uns leicht, so viel für sie zu tun.
Jeden Gang zur Tierärztin machte sie brav mit, jede Spritze ertrug sie tapfer. Von Anfang an ging sie jedoch nicht auf den Behandlungstisch, sie blieb immer bei mir auf dem Arm, das tut sie heute noch.
Mit den Bakterien in ihrem Körper hatte wir lange zu kämpfen. Nach einem Jahr futterte sie kaum noch, das Zahnfleisch war total rot und entzündet. Wieder Spritzen und Creme zum Einmassieren.
Das ging weg und kam wieder. Heute sind wir so weit, daß Julchen jeden Morgen die Zähne geputzt werden. Sie lässt sich alles gefallen. Dr. Lechner hat mal gesagt: „Julchen, Du hast aber auch alles, zum Glück nichts Todbringendes.“
Im Frühjahr 1999 zog Jule dann mit uns um , die kleine Bayerin kam nach Schleswig-Holstein. Die Wohnung in Penzberg wurde vermietet, und seitdem ist Flensburg unser alleinige Zuhause. Da kam schnell ein neues Problem auf uns zu, Anna war nie auf Nachbarschaft gegangen, Jule aber entdeckte, daß da noch was war und eh wir uns versahen, stiefelte sie mit ihren langen Beinen die Balkonkästen längs. Wir mußten verbarrikadieren, Hermann baute einen Zaun. Der müsste ein paar Mal nachgebessert werden, bis wir nun endlich meinen, dieser Zaun ist katzensicher.

Jule’s erste große Segelreise war wohl auch unser längster Törn, 1999 waren wir zu den Alands-Inseln. War Moritz für mich die ideale Segelkatze, so ist Jule Hermann’s Leichtmatrose. So schnell wie sie sich an komfortables Wohnungsleben , reichliche und regelmäßige Mahlzeiten, eine immer saubere Gassi gewöhnt hat, so akzeptierte sie auch das Bordleben.
Vielleicht lebt Jule nach ihren jämmerlichen Kleinkinderzeit mit dem Motto: nur nichts verkehrt machen, nur nicht aus diesem Paradies vertrieben werden.
Wenn der Motor anspringt, lebt Jule unter Deck. Ich wüsste ja gern, Was Käpten und Matrose da unten machen, Zeitung lesen, oder? ( „Wir trinken Rum-Pusch, wat nu“)
Da kann noch so viel Seegang sein, diese Beiden werden nicht seekrank. Sie hat beim Segeln eine kurze Sorgleine um, die stört sie nicht, im Gegenteil, die benutzt sie als Spielzeug. Mit der Leine spielt Julchen Fangen immer um Tischbeine oder Kissen herum. Oder sie klettert an der Großschot hoch und balanciert auf dem Großbaum rum. Für eine so seetüchtige Katze ist das Bordleben wirklich nicht langweilig. Leider hat auch Jule inzwischen gelernt dass es noch mehr Schiffe gibt und es auch an Land ganz schön ist, vor allem ganz anders riecht.
Ja eine Mischung aus all unseren Katzen wäre ideal, aber bei Menschen gibt’s noch nicht Idealtyp, wie dann bei so ausgeprägten Charakteren wie Katzen?
Ein Bademeister wie Moritz es war, ist Jule auch nicht, Tiger sind wohl tatsächlich intelligenter. In Hörup Hav hatte es endlich ein Entengeschwader geschafft, daß sie das Übergewicht kriegte. Seitdem sieht sie das große, nasse Element mit noch mehr Respekt.
Von dem „kleinen Wasser“ ist sie begeistert. Ich brauche nur eine Gießkanne in die Hand nehmen, und schon hab ich Hilfe. Das macht Spaß, wenn ein Rinnsal die Balkonfliesen längs läuft.
In der Garage gab’s kein Spielzeug, Spielen hat Jule nicht gelernt. Bälle, Mäuse liegen rum, werden alt. Aber ein Leinchen ist Ah und OH, das ist Pussy. Damit kommt Sie mauzend an und legt es mir vor die Füße. Ich soll die Leine dann hin und her ziehen, um einen Schrank herum. Dann ist Julchen in Form. Langeweile hab ich nicht, wenn man beim Kochen zwischendurch den Katzentrainer machen muß, dann ist oftmals ganz schön Action.
Aber will ich es anders? Was wäre mein Leben, was wäre unser Leben ohne die geliebten Samtpfoten ???? !!!!

Irmgard Quay, niedergeschrieben von Hermann Quay.