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Die
Wilden 70er Jahre,
Autorin Irmgard Quay Ausgabe 30.01.02
Unser gemeinsames Leben begann mit Segeln.
Der Hanseat, natürlich auch namens „Windrose“ wurde nach
Holland
zum Ijsselmeer gebracht.
Den ersten Liegeplatz hatten wir in Lemmer hinter der Princess Margriet
Schleuse, vom Liegeplatz konnten wir den Schleusenbetrieb beobachten,
und die Schiffe sehen.
Die Steganlage war noch gar nicht alt, zu der Zeit boomte es in Holland
schon überall im Sektor Wassersport, jede Gemeinde investierte in
Sportbootanlagen. Der Erfolg hat ihnen Recht gegeben. Wir hatten einen
Platz direkt am Reet, wenn der Wind drauf stand, saß die „Windrose“
im Reet. Aber was konnte schon passieren.
Durch die Margriet Schleuse konnten wir nur an Werktagen aufs Ijsselmeer.
Am Sonntag kamen wir zurück durch die Alte Lemmer Schleuse.
Freitagabend verholten wir uns von unserem Wiesenplatz in den heimeligen
Stadtkanal von Lemmer. Da war damals noch nicht so viel Betrieb, ein bißchen
Berufs-Schifffahrt, ein paar Wohnboote. Die Geschäfte hatten am Freitagabend
lange auf und auch am Samstag. So waren wir dort immer Einkaufen, was
an Proviant noch fehlte, aber auch Sachen für unseren Haushalt in
Mülheim, Kappenstr.81.
Auch Hermann kaufte manchmal ein, einen ganzen runden Edamer-Käse,
der dann von ihm gepflegt wurde, mit Öl eingerieben und auf Papier
getrocknet, bis der Käse steinhart war.
Ein ganz besonderer Laden war „Hein durcheinander“, von uns
so getauft, der hatte von Butter bis Unterhose, von Schemel bis Sikkativ
für die Schipper schlichtweg alles. Ich habe heute noch eine herrliche
altmodische Geldbörse von ihm.
Viele Jahre später ist der Laden abgebrannt.
Die Schleuse war natürlich lästig für uns mobile Segler.
Auf Helgoland hatten wir einen Segler namens Lausberg kennen gelernt,
ein tüchtiger Segler, der uns schon mal gute Ratschläge gab.
Lausberg lag mit seinem Schiff in Hindeloopen, an einem
Samstag segelten wir nach Hindeloopen, wir bekamen von dem alten Hafenmeister
Engelmann prompt einen Liegeplatz, die „Windrose“ blieb gleich
da, und am Sonntag holten wir mit dem gefälligen Lausberg unser Auto
in Lemmer ab. Den ersten Winter 72 / 73 holten wir das Schiff nach Essen,
den ganzen Winter stand die „Windrose“ zum Streicheln hinterm
Büro.
Den Rhein rauf bis Duisburg hatten wir einen Schlepper, aber selbst gegen
den Strom laufen diese Kähne noch „wie Teifi“. Das war
das reinste Himmelsfahrtkommando, ich hab nicht oft in meinem Seglerleben
so das Ruder festhalten müssen.
Für den Hanseaten hatten wir einen Hänger. Nur in Duisburg mußte
das Schiff ja erst mal
.aus dem Wasser. Krähne gab’s genug aber zum richtige Ansetzen
der Gurte suchten wir eine Traverse. Wir brauchten einen „Himmel“.
Da sind wir durch diesen größten Binnenhafen Europas gefahren,
ich wurde natürlich vorgeschickt mit der Frage:
„Habt Ihr einen Himmel?“ Teils ratlose Gesichter, aber welche
verstanden uns auch, und einen Himmel für die „Windrose“
fand sich.
Mit Hindeloopen begannen unsere wilden, holländischen Jahre. Wir
segelten wie die Wilden, wenn kaum noch ein anderes Schiff draußen
war, tobten wir immer noch rum.
Ein Hanseat kann so was, der fing ja sowieso erst bei 5 Windstärken
an zu laufen. Ein Hanseat, das war zu der Zeit Mercedes auf dem Wasser.
Windwarnungen kannten wir nicht. Auch auf dem Ijsselmeer waren Hanseaten
oder ehemalige Eigner: Mengel, Koerver, Schwing und Hermanns aus Krefeld,
von denen hatte Hermann ein Folkeboot gekauft, das hat Rolf Dahlem später
gekauft.
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Die alten Häfen am Ijsselmeer Medemblick, Enkhuizen und auch Hoorn
waren sehr gemütlich.. In Hoorn haben wir mal neben Koerver, ein
Krefelder Fabrikant,
der hatte auch mal einen Hanseaten, gelegen, der hatte zu der Zeit schon
ein wunderschönes Schiff von Franz Maas, namens „Regina“.
Nicht so attraktiv war für uns Koerver’s Frau, das war so eine
„ete petete“. Wenn wir zum Cherry an Bord gebeten wurden,
dann für eine Art Höflichkeitsstunde.
Aber Koerver kam gern allein auf einen Sprung zu uns ins Cockpit „ohne
sie „ war er ganz lustig und gesprächig. Proviant hatten wir
immer reichlich an Bord, manchmal auch Kottlets. Als dem guten Koerver
der Duft von meinen Kottlets Braterei in die Nase stieg, da ist er wohl
doch wehmütig mit seiner Frau ins Restaurant gegangen.
Herman hat sich dann gütlich getan nach dem Motto „een Mol
mit schmerig Muul ut Fenster Kieken“.
Ein netter Kumpel in Hindeloopen war Heinz Holtermann, der hatte anfangs
eine Dufour, später zusammen mit Karlchen eine Comfortina. Holtermann
war damals ein Mann nach dem Motto „wo steht das Klavier“,
im Frühjahr 2001 ist er ganz jämmerlich an Krebs gestorben.
Also die „Holtermänner“ haben wir mal in Enkhuizen getroffen.
Wir hatten uns in den Kopf gesetzt, Pannekoeken zu essen. Ein kleines
chices Bistro hatte gerade eröffnet, die hatten noch nicht so recht
Gäste, aber Pfannekuchen auch nicht in ihrem Repertoire. Aber da
wir uns fleißig am Sherry-Fass bedienten und auch korrekt Striche
über den Verzehr machten, konnte man uns den Pannekoeken nicht abschlagen.
Gut waren sie jedenfalls und billig auch nicht.
Wieder draußen auf der Straße entdeckten wir sherry-selig
etwas weiter längs eine Reklame für ein richtiges Pfannekuchen-Haus.
Hermann und Holtermann Schnappten sich den Pannekoeken - Mann und stellten
ihn beim Bistro vor die Tür. Im Dunkeln ist ja vieles möglich.
Die jungen Wirtsleute mögen gestaunt haben, daß an dem Abend
noch mehr Pfannekuchengäste kamen. Wochen später, als wir mal
wieder zum Sherry reinguckten und so verdächtig lachten, da wußten
sie, wer für diese Eulenspiegelei zuständig war.
Es dauerte nicht lange, da hatten wir unser eigenes Sherryfass an Bord.
In Medemblick war ein kleiner Laden, der hatte neben Sherry auch noch
wunderbaren Schafskäse.
In Enkhuizen hatten wir von Anfang an einen Freund, den Hafenmeister Veenstra,
damals noch im Yachthafen, später im alten Hafen beschäftigt.
Wir segelten ja schon so früh im Jahr und brauchten Petroleum für
unseren Ofen. Veenstra war unser Petroleum Lieferant und somit unser Hafenmeister
„Petrol“. Morgens gingen wir mit unseren Bademänteln
über den Steg, ab in die Dusche. Zusammen in eine Dusche!
Petrol beobachtete das natürlich und trommelte von draußen
gegen die Fensterscheibe.
Bei Veenstra waren wir des Öfteren zu „Koffie klar“ zu
Hause eingeladen.
Im schönen, alten Hafen von Enkhuizen hatte Petrol immer einen Platz
für uns, der Hanseat zwischen den urigen Bottern.
Der gute Veenstra starb, leider keine 50 Jahre alt geworden, 1979 an einem
Gehirnschlag. Schade, der war wirklich nett.
Der Hafen in Hindeloopen wurde Mitte der 70 er Jahre ausgebaut, und so
vergrößerte sich die Seglergemeinschaft.
Lutz und Claudia, die mit ihrem alten schwarzen Schiff noch in Makkum
gelegen hatten, kamen mit ihrer neuen roten Nordsee 47 „Sausalito“
von Dübbel und Jesse nach Hindeloopen.
Dieses Schiff wurde
Vorbild in kleinerer Ausgabe für unsere große „Windrose“,
ein Traumschiff für uns mehr als 20 Jahre. 1976 hatten wir für
den Rest der Saison kein Schiff, der Hanseat wurde an Hermanns Geburtstag
verkauft. So segelten wir des Öfteren auf der „Sausalito“
mit. Wir durften schon mal mit dem Steuerrad Ruder gehen, wir waren ja
beide nur Pinne gewöhnt. Für Lutz war jedenfalls klar, daß
Hermann das nie lernen würde, er drehte immer in der falschen Richtung.
Mich ließ er schippern und machte mir zum zigsten Male die Cassette
von den Bläck Föss an „Unsere Mama kriegt schon wieder
en Kind“ Ich kaufte bei Zorn in Mülheim viele gute französische
Käse, Melonen, Parmaschinken. Einmal kam Mengel vorbei mit Tochter
+ Freund, höflicherweise luden wir die ein, aber zum Ärger Claudias
aß er uns den besten Käse weg.
In den letzten Herbstwochen kam Claudia nicht mehr mit. Da hatten die
beiden
offenbar ihre ersten Eheprobleme. Dann kamen wir mit einem großen
Topf Erbsensuppe und so an Bord.
Lutz war gut in Form, er hatte einfach die Leichtigkeit des Seins. Vor
Übermut lief er schon mal die Straßenlaterne hoch.
Es war eine schöne Zeit mit der „Sausalito“. Claudia
kochte gern und gut, von ihr habe ich die ersten Anregungen bekommen über
Olivenoel, Provence-Kräuter, Fleisch marinieren, Zeitschriften Essen
und Trinken. All das wurde von uns übernommen und über die Jahre
weiter entwickelt.
Ganz Ende Oktober hatten wir so wenig Wasser auf dem Ijsselmeer, daß
Lutz mit seinen 2 m Tiefgang nicht in den Hafen konnte. Aber Spürnase
Hermann wusste! Spinnaker-Wind, ein bißchen Schieflage, vor allem
viel Quay’scher Mut, dann würde es schon gehen.
Lutz hatte alle möglichen Bedenken, aber was blieb ihm anderes übrig,
als mitzumachen. Wer sonst eine große Klappe hatte..... Ich bekam
von Hermann bloß den Auftrag, erst den Spi auszuklinken, wenn er
als Ober-Bootsmann-Maat den Befehl dazu gab.
Auf der Hafenmole viele „Schaulustige“, in der Einfahrt „Klick“
und drin war die „Sausalito“ Schiff fest gemacht und dann
der lange Lutz aber durch den Hafen:
„Habt Ihr das gesehen“.
Zuletzt war es eine große Clique: Monika und Klaus Maaßen
(Monika wurde bei der Weinprobe wach, wenn die Huxelrebe auf gerissen
wurde) Dolly und Piet, der Groninger Zahnarzt mit seiner Anneliese. (Kennt
Ihr Westendorf? Dahin wollte sie zum Skilaufen.) Ute und Max Thürmer,
Ulrike und Rolf Blaich mit einer 43 er Nordsee Vita-Amandi, Uete-Kunst.
Wir waren bekannt für Essen und reichlich Wein. Manchmal waren wir
noch nicht ganz fest, oder sie halfen beim Festmachen, dann saßen
schon welche im Cockpit.
Dann waren da auch noch so Besondere, deren Namen wir nicht wußten,
denen gaben wir einen Namen: der Hahn z.B., der lief immer wie ein Gockel
über den Steg und statt zu segeln, checkte er immer durch. Dann war
da noch einer mit einem “Phantom“ Schiff, der schloß
die Lenzpumpe umgekehrt an und flutete sein Schiff, das war der Wassermann.
Und dann gab es noch Herrn Hoffmann, der war mit seinem „Schiff
Joia“ an die Kette gelegt vom holländischen Zoll. Zur großen
Freude von Piet Hommes.
Ja, sie waren schön und vielleicht auf die Dauer auch anstrengend
gewesen: unsere 70 er Jahre.
1979 gingen wir dann nach Grauhöft zu Henningsen und Steckmest in
die Schlei..
Aber auch da, meine
liebe Irmgard, hatten wir ganz schnell wieder Segelkumpel!!!!
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