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    Sommerreise im Jahre 2000

   

Marien-Kirche in Lübeck

Marien-Kirche von innen

Der Leuchtturm in Warnemünde

Münster in Doberan

Der Münster von innen

Dornbusch - Hiddensee

Stubbenkammer - Rügen

Das Rathaus in Stralsund

Stargarder Tor in Neubrandenburg

Seebrücke Heringsdorf

Als wir den diesjährigen Segeltörn planten und uns entschlossen, an die ostdeutsche Küste zu segeln, da sagten wir uns, es “muß” ja mal sein. Wenn man nicht mehr so ganz neu ist, dann kann auch in einem Seglerleben etwas zu spät sein.

10 Jahre wiedervereintes Deutschland, und wir waren noch nicht an dieser Küste. Vorurteile, Miesmacherei bis zu dem unangenehmen Wort “Dunkeldeutschland” hatten uns davon abgehalten.

Im Winter besorgten wir uns nicht nur Seekarten und Hafenhandbücher für dieses Gebiet, sondern auch einen Baedecker für Mecklenburg - Vorpommern, ”Landlektüre”, wobei Fontane nicht fehlen durfte. Wir wollten die Küste und die Inseln besegeln, aber möglichst auch etwas vom Landesinneren sehen.

Am Himmelfahrtstag starteten wir unter nicht gerade motivierenden Bedingungen, alles grau in grau, ein bißchen nieselig, dazu noch Südost, die schlechteste Windrichtung, um aus der Flensburger Förde rauszukommen. An dem Tag war schon an der Schlei “Ende”. Aber der Wind ist doch für uns Segler und auch als Wettermacher unser Freund und Helfer, am nächsten Tag klarte es auf, und mit frischem Westwind landeten wir abends in Burgstaaken auf Fehmarn.

Von da war es ein Katzensprung bis Neustadt / Holstein, wo wir uns ein Auto mieteten. Die ostholsteinischen 0stseebäder haben wir abgefahren, sie gefielen uns so mehr oder weniger, kein Platz für unseren Individualismus. Ganz gut gefallen hat uns das Kloster Cismar, es ist ja ein Teil des Landesmuseums Gottorf / Schleswig und hat gute, wechselnde Kunstausstellungen.

Den Sonntag nutzten wir, um den Gottesdienst in der Lübecker Marienkirche zu besuchen, der Mutter aller gotischen Backsteinkirchen, aber das lernten wir erst in den folgenden Tagen.

In einer Kirche ist ja nicht nur Zeit zum Beten, es ist auch Zeit, Augen und Gedanken schweifen zu lassen. Mein Mann und ich waren fasziniert vom Baustil der Lübecker St. Marien, er der “Mann vom Bau” und in Architektur sehr bewandert, ich interessier mich für Kunstgeschichte, das “paßte”. Von nun an wurde der erste Teil der Reise ein Weg in die Backsteingotik, die nun folgenden Hansestädte sind ein Eldorado dafür.

Es macht so viel Spaß, Neuland zu erobern, neue Küsten, neue Städte, mit anderen Menschen zu kontakten. In Wismar waren wir jetzt in einem “neuen” Bundesland. Ja, es gibt noch viele, viele kaputte Gebäude, aber gearbeitet und renoviert wird überall. In Wismar waren sie dabei, die Fußgängerzone ganz fein im Muster verlegt zu pflastern, ich hab mir einen kleinen Stein gemopst, als Andenken liegt er jetzt auf dem Balkon. Die schön restaurierte Wasserkunst auf dem Marktplatz haben wir bewundert, und dann ging‘s wieder auf Kirchentour, die Kirchen sind am ärmsten dran, da ist noch furchtbar viel zu machen, mit dem lieben Gott hatte es die DDR nicht, und für die Erhaltung und den Wiederaufbau der Gotteshäuser wurde wenig getan. Dabei sind gerade die Kirchen die Zeugen unserer Kultur.

St. Marien in Wismar ist eine Ruine und wird so als Mahnrnal bleiben. An St. Georgen wird fleißig gearbeitet, das Dach ist fast wieder zu, es werden schon Konzerte und Gottesdienste abgehalten, und im Jahre 2010 soll die Kirche wieder fertig sein. So blieb für unser “Studium” St. Nicolai, diese Kirche ist ”reich”, sie hat viele Ausstattungsstücke von den beiden zerbombten Kirchen.

In Wismar fand ich in einer Buchhandlung eine Ausgabe der Deutschen Gesellschaft Denkmalpflege über “Backsteingotik”. Nun wußten wir, wo wir überall hin mußten.

Von Wismar auslaufend ging es an der Insel Poel, dem Salzhaff vorbei wieder in die Ostsee. Hier gibt‘s nicht, wie wir‘s von Dänemark gewohnt sind, an jeder Ecke einen Hafen. Die Etmale sind schon größer, von Wismar muß man in einem durch bis Warnemünde.

Rostock und Warnemünde sind sehr gut zurecht, beide waren ja Vorzeigeorte der DDR. Sehr hübsch sind in Warnemünde die Kopfsteinpflaster-Straßen mit den alten Fischerhäusern, auch Rostock‘s Innenstadt kann sich sehen lassen, ein schönes, altes Universitätsgebäude, große, gut restaurierte Speicher, ein hübscher Marktplatz und natürlich wieder Backsteinkirchen, allen voran St. Marien mit einer reichen, mittelalterlichen Ausstattung.

Von Warnemünde ist es nicht weit nach Bad Doberan, ein Leihauto machte wieder Ausflüge möglich. Doberan hat ein Münster, von den Zisterziensern erbaut, das man wohl als Prunkstück der Backsteingotik bezeichnen darf. Es ist noch zu DDR-Zeiten in den 80er-Jahren restauriert worden.

Eine Kirchenangestellte erzählte uns stolz, es ist alles in dem Stil belassen worden wie es im 13. Jahrhundert erbaut und ausgestattet wurde. Das Münster in Doberan hat wirklich einen großen, imponierenden Baukörper, schön in einem englischen Garten gelegen, reichen, mittelalterlichen Kirchenschmuck.

Beim Baukörper merkt man die Anlehnung an St. Marien in Lübeck, aber drinnen ist die Doberaner Kirche eine Schatzkiste, die Ausstattung der Lübecker Kirche ist ja leider beim Bombenangriff verbrannt. Im Nachhinein war das Doberaner Münster für uns die schönste, eindrucksvollste Kirche der Backsteingotik. Es ist ja interessant zu wissen, daß es diese Art Kirchen nur in dem kurzen Küstenabschnitt von Lübeck bis Greifswald und ins Landesinnere bis Schwerin und Neubrandenburg gibt. Vor allem wetteiferten die Hansestädte Lübeck, Wisrnar, Rostock, Stralsund und Greifswald mit prachtvollen Kirchenbauten.

Unser nächster Landausflug galt Ribnitz - Damgarten, “die” Bernsteinmetropole überhaupt. Ich hatte mir eine Kette in den Kopf gesetzt aus milchigen, ungeschliffenen Steinchen. Durch unsere Sucherei lernten wir einen Goldschmied kennen und kamen mit ihm in ein langes, interessanten Gespräch. Zu DDR - Zeiten brachten die Bonzen Gold und Edelsteine, und der Goldschmied machte Schmuckstücke daraus, viel, viel Arbeit, und unter dem Strich blieb wenig.

Von Ribnitz war es nicht weit auf die Halbinsel Fischland / Zingst / Darß. In die meisten Boddengewässer können wir wegen unseres zu großen Tiefgangs nicht rein. Dies ist das Heimatrevier der sogenannten Zeesenboote, ähnlich den holländischen Plattbodenschiffen. Landschaftlich ist es wunderschön, wo wir auch gefahren sind in Mecklenburg - Vorpommern, ich hab seit Kindertagen nicht mehr so blühende Kornfelder gesehn, es war ein Farbenrausch in rot, blau und weiß, über und über Mohn, Kornblumen und Margarithen. Auch an den Wegrändern überall Blumen. Welch eine intakte Natur! Nicht so viel Geld haben, das kann auch ein Vorteil sein, man kann nicht so viel kaputt machen .....

So gesehen sind unsere neuen Länder wirklich ein “blühendes Land”.

Von Warnemünde aus sind wir nach Darßer Ort gesegelt, das ist ein Schutzhafen, wo ein Rettungskreuzer stationiert ist. Man darf nur eine Nacht bleiben. Das ist schade, es liegt landschaftlich wunderschön in einem Naturschutzgebiet. Die Hafenansteuerung ist nicht so ganz einfach.

Die ausgebaggerte Fahrrinne ist sehr eng, und man muß die Backbord-Tonne fast schneiden, um reinzukommen. Trotz zaghaften Fahrens saßen wir, bei dem wenigen ablandigen Wind war es kein Problem loszukommen.

Am Pfingstsonntag sind wir nach Hiddensee gesegelt, anfangs war es diesig, je näher wir der Insel kamen, umso blauer wurde der Himmel. Und dann bei Sonnenschein und ablandigem Wind dicht unter‘m Dornbusch längssegeln zu dürfen --- welch ein Pfingstgeschenk!! Für uns ganz sicher unvergesslich.

Und Hiddensee, welch eine hübsche Insel! “Dat söte Länneken” nennen es die Einwohner liebevoll. Die Insel der Poeten, Gerhart Hauptmann hat hier viele Sommer verbracht.

Wir haben uns Räder gemietet und so die Insel erkundet. An der Westseite schöner, weißer Sandstrand, wo man, wenn gerade NW - Sturm gewesen ist, mit etwas Glück Bernstein finden kann. Die Dünen sind üppig mit wilden Rosen und Sanddorn bewachsen, es war gerade Blütezeit, ich hab mich nicht satt sehen können.

Das Dörfchen Kloster liegt genau unter‘m Dornbusch, die Häuser eingekuschelt zwischen hohen, alten Bäumen, eine hübsche Inselkirche.

Von Vitte, wo wir gut mit allen Service - Einrichtungen eines kleinen Jachthafens gelegen haben, ging es durch das Boddenfahrwasser gut ausgetonnt nach Stralsund. Allein die mächtige Stadtsilhouette vom Wasser aus zu sehn ist eine Freude! Und wieviel alte Kultur gibt es in dieser Hansestadt! Leider ist wirklich noch sehr, sehr viel sanierungsbedürftig. Das Rathaus mit seiner prächtigen Fassade gehört zu den schönsten Bauwerken der Backsteingotik überhaupt, daran angegliedert die Nicolai - Kirche, wiederum ähnlich dem Baukomplex in Lübeck. In der noch gar nicht renovierten Jacobi - Kirche war eine Ausstellung wie Stralsund mal aussehen könnte, wenn alle erhaltenswerte Bausubstanz wieder saniert wäre. Ein Schmuckkästchen wäre Stralsund!

Mit einem Leihauto haben wir Rügen erobert, sind die Deutsche Alleenstraße gefahren, man fühlt sich wie unter einem nicht endenden Baldachin aus Laub. Teilweise hat man die Straßen in Kopfsteinpflaster gelassen.

Hier sahen wir auch das erste typische Seebad, schöne Jugendstilvillen, viele schon wieder gut in Ordnung. Und eine Seebrücke! So was Aufwendiges hatten wir vorher nur in Südengland gesehn. Die Brücke einschl. Restaurant-Pavillon hatte so einen Hauch von Kaiser‘s Zeiten.

Durch die Ziegelgraben - Brücke ging es weiter durch den Strela-Sund nach Greifswald, dort haben wir in Wieck sehr schön gelegen, umsorgt von einem ausgesprochen freundlichen Hafenmeister. Greifswald ist eine ganz alte Universitätsstadt und der Geburtsort des Malers der Romantik Caspar David Friedrich, der uns so schön die Kreidefelsen Rügens gemalt hat. Greifswald hat einen verhältnismäßig großen Marktplatz mit schönen, alten Bürgerhäusern. Und natürlich auch wieder Kirchen der Backsteingotik, leider manchmal zu sehr renoviert und übertüncht, so daß sie nicht mehr ihre Ursprünglichkeit haben.

Und auch in Greifswald mußte ein Auto her, zuerst ging die Fahrt nach Neubrandenburg, der Stadt mit den vier Stadttoren und der gut erhaltenen Stadtmauer, einer Marienkirche, die zu einem Konzertsaal renoviert wird. Über Anklam ging es durch das blühende Land nach Usedom. Hier gab es ein Ziel, über das mein Mann und ich lange und oft gesprochen haben. Heringsdorf! Hier war er l945 als 17-jähriger Soldat, und von hier aus ging‘s an die Front nach Ostpreußen. Das muß für einen heute fast 73-jährigen eine Begegnung der besonderen Art gewesen sein.

Ahlbeck und Heringsdorf, diese beiden Seebäder liegen dicht beieinander, es war in den 20er und 30er Jahren Haupterholungsgebiet der Berliner, man nannte es ein bißchen spöttisch die “Badewanne Berlins”. Heringsdorf hat seit l995 eine ganz neue pompöse Seebrücke.

Auf unserer Rückreise von Greifswald aus sind wir noch mal für 2 Tage nach Hiddensee gegangen. Es ist zu schön dort. Und dann haben wir endgültig Nord gemacht Richtung Klintholm, haben uns immer noch mal umgeschaut nach der hohen, schön bewachsenen Steilküste des Dornbuschs mit dem großen, weißen Leuchtturm.

Als wir den Danebrog, die kleine, dänische Gastflagge im Want setzten, sagte mein Mann: “Jetzt sind wir wieder zu Hause”. So abwegig ist das gar nicht, erstens wohnen wir dicht an Dänemark, und zweitens kennen wir uns in diesen Fahrwassern bestens aus.

Bei unserer Fahrt durch den Sund nach Kopenhagen haben wir die neue Oresund - Brücke bewundert, die Verbindung Schweden ./. Dänemark, am 1. Juli wurde sie dem Verkehr übergeben.

Ein paar Tage haben wir Kopenhaben genossen mit Stadtbummel, Museen, Tivoli. Immer wieder schön! Je 2 Tage in Rungsted und Helsingör mit dem Schiff gelegen und per Bahn die Ausflüge gemacht.

Auf Anholt haben wir 2 Tage Super - Badewetter genossen, es waren noch gar nicht viel Schiffe da, der Norden Deutschlands kriegte erst Ende Juli Schulferien.

Über Grenaa, die Arhus - Bucht und den Kleinen Belt sind wir wieder nach Glücksburg gesegelt.

Fazit dieser Reise: Es “mußte” mal sein. Außer daß es für uns eine Reise in die Backsteingotik wurde, muß man unserem neuen Deutschland begegnen, dem Land, den Menschen, das Gespräch suchen, sehen, daß es sich lohnt, viel Geld zu investieren. Dort sind so viel Kulturschätze, die unbedingt erhalten werden müssen, weil sie doch auch unsere Kultur, unsere Geschichte sind, so was ist nicht teilbar in Ost und West.

Eine schöne, eine beeindruckende Reise war‘s!

H. und Ir. Quay

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